Künstler von A bis Z:

Friedrich Schröder-Sonnenstern

Name: Schröder-Sonnenstern
Vorname: Friedrich
Lebensdaten: 1892-1982
Zu Leben und Werk: Geboren 1892 in Kuckerneese bei Tilsit. 1906 Einweisung in eine Erziehungsanstalt. Nach abgebrochener Gärtnerlehre und verschiedenen Tätigkeiten ab 1910 mehrere Einweisungen in psychiatrische Kliniken wegen einer schizophrenen Erkrankung. Erste Zeichnungen 1933 bei einem Klinikaufenthalt. Beginn der regelmäßigen künstlerischen Arbeit circa 1949. Regelmäßige Galerieausstellungen ab 1952, 1967 Kunsthalle Düsseldorf, 1973 Kestnergesellschaft Hannover. Nach dem Tod der Lebensgefährtin &##8222;Tante Martha&##8220; ab 1964 zunehmender Alkoholmissbrauch mit Abnahme der künstlerischen Schaffenskraft. Gestorben 1982 in Berlin. Zu Malen begann Friedrich Schröder, so sein bürgerlicher Name, erst im Alter von 57 Jahren. Bis dahin hatte er ein abenteuerliches Leben hinter sich gebracht. Als Sohn eines trunksüchtigen Briefboten und einer nervenkranken Mutter, kam er in der Gegend von Tilsit 1892 in Kaukehmen als zweites von dreizehn Kindern zur Welt. In der Schule fiel er mit einem eigenwilligen und widerborstigen Charakter auf. In der kaiserlich-preussischen Ära herrschte in der Schule &##8211; wie in allen anderen «Betrieben», «Asylen» und «Anstalten» &##8211; der Kasernenhofdrill von «Zucht und Ordnung», dessen Hauptzweck es war, den individuellen Willen zu brechen und den Einzelnen auf «Triebverzicht» zu trimmen. Wer von der Normalität abwich und auffiel, der wurde «auf den Pfad der Tugend» zurückgedrängt oder in eine Aussenseiterrolle gestossen. Seit dem 18. Jahrhundert dominierte eine liberale Ideologie, die den Menschen von allen adeligen Privilegien, zünftischen Vorschriften und hausherrschaftlichenAbhängigkeiten «befreit» sah. Auf ihrer dunklen Kehrseite bedingte sie allerdings nebst den tiefen sozialen Verwerfungen einen gewaltigen Normalisierungszwang. Den bekam auch der junge Friedrich Schröder zu spüren &##8211; umso mehr, als Preussen in seiner kapitalistischen Entwicklung England und Frankreich hinterher hinkte und mit allen &##8211; auch gewaltsamen &##8211; Mitteln versuchen musste, seine relative Rückständigkeit zu beseitigen, wollte es dauerhaft, und das hiess: nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch, in die erste Liga der «europäischen Grössmächte» aufsteigen. So kam es, dass Friedrich Schröder &##8211; trotz aller liberaler Rhetorik der «natürlichen Gleichheit aller Menschen» und daher des individuellen Rechts auf «freie Selbstentfaltung» schon im Alter von 14 Jahren die Bekanntschaft mit der Zwangserziehungsanstalt machte. Er versuchte sich in einer Gärtnerlehre, landete wieder in einer Erziehungsanstalt. Dann verdiente er sich sein Leben als Meiereigehilfe. Mit 20 Jahren wurde er in eine Irrenanstalt gebracht. Später führte er ein Vagabundenleben, bettelte, schmuggelte, handelte. Er wurde als Geisteskranker vom Kriegsdienst befreit. Es folgte ein erneuter Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt 1918/19. Schliesslich wurde er entmündigt. Er ging nach Berlin, verbrachte unter dem Namen Gustav Gnass mehr als zehn Jahre. Als Sonnenkönig Eliot der Erste» wurde er Führer einer religiös-mystischen Sekte. Er verteilte seine Einkünfte an die Armen und ging als «Brötchenfürst Schöneberg» in die Berliner Historie der zwanziger Jahre ein. Dann trat er als Wahrsager und Magnetopath auf, kam immer wieder wegen Schwindeleien und unerlaubter Heiltätigkeit mit den Gesetzen in Konflikt und wurde 1933 in Norddeutschland einmal mehr in eine Irrenanstalt gebracht. Im Krieg tauchte er als Magaziner in einem Luftwaffendepot auf, dann in einem Straflager. Er überlebte die Nazizeit. Nach dem Krieg begann er mit seiner Lebensgefährtin «Tante Martha» Brennholz aus den Ruinen hervorzuklauben und sackweise zu verkaufen. In dieser Zeit des Elends und der Verzweiflung überkam ihn eine neue Besessenheit: «An Sonnensterns Wesen soll die ganze Welt genesen.» Er fertigte Gedichte, kleine Texte und Manuskripte, die nirgends angenommen wurden. Schliesslich begann er zu seinen Texten Illustrationen zu zeichnen. Seine Auftritte in der Kunstakademie wurden dank seines Show-Talents ebenso zu Skandalen wie seine erste Ausstellung in einer Berliner Galerie. Der Sonnenstern stieg auf. Hans Bellmer, George Pompidou, Henry Miller, Friedrich Dürrenmatt, die Baronin Rothschild, Friedensreich Hundertwasser begleiteten seinen damals beunruhigenden Einzug in die Galerien. Sein Werk fiel in seine Zeit, in der die Surrealisten negative gesellschaftliche Etikettierungen wie «pathologisch» in subversive Auszeichnungen umzumünzen begannen. Heute rechnet man Schröder-Sonnenstern zu den Art-Brut-Künstlern, eine Bezeichnung, die auf den französischen Künstler Jean Dubuffet zurückgeht und die schöpferische Tätigkeit von Randgruppen unserer Gesellschaft bezeichnet, die sich mit dem traditionellen Kunstbegriff schon deshalb nicht auseinander setzten, weil sie ihn meistens gar nicht kannten. Bis 1958 entstanden etwa 104 grossformatige Bilder. Es ist möglich, dass Sonnenstern seine Bilder in einer Situation des psychischen Ausnahmezustands schaffen musste, um sich beim Zeichnen dann selber zu heilen und danach keinen Anlass mehr zu haben, um neue Werke zu entwerfen. Nach einer grossen internationalen Surrealisten Ausstellung in Paris begann er überwiegend Bilder im dem Malkarton-Format 50 x 70 und 70 x 100 Zentimeter nach selbstgefertigten Schablonen, die er im Durchpausverfahren auf die Kartons übertrug, auszuführen. Seine Bilder sind Illustrationen seiner persönlichen Philosophie, Hohelieder auf den Sexus, Anklagen gegen die doppelte Moral, die Kaltherzigkeit und Paragraphen. Oft sind seine Werke in schriftlichen Kommentaren erläutert. Sein Hauptthema kreist um Gegensatzpaare. Es gibt stets nur ein Entweder-Oder, Gut-Böse, Anziehung- Abstossung, Beherrschen-Beherrscht sein. Die radikal formulierte gesellschaftliche Kritik erscheint in der intensiven und reichen Farbigkeit harter Farbstifte. Kugelrunde Hinterbacken, Riesenbrüste, Phallus und Klitoris, Fratzen, Zähne, Schweinsköpfe bevölkern eine phantastische Welt, eine «Mondwelt», die als verschlüsselte Satiren auf den Bewusstseinszustand unseres eigenen Planeten lesbar sind. Auf dem Zenit seines Ruhmes begann er zu trinken. Da er nie lernte, mit Geld umzugehen, nicht mehr fähig war, den bürgerlich-etablierten Habitus - «mit Häuschen und Garten» - sich spät anzueignen, streute er sein Geld scheinbar sinnlos um sich, vorzugsweise in den Kneipen Berlins. Sein Alkoholismus mag nach dem Tod seiner langjährigen Lebensgefährtin 1964 eingesetzt haben. Doch äussere Ereignisse können niemals eine hinreichende Ursache sein, weil sonst die menschliche Willens- und Entscheidungsfähigkeit sich als Illusion erweisen müsste. So muss es offen bleiben, ob seine inneren Dispositionen (zum Rebellentum) und seine biografischen Prägungen zusammen mit den neu gegebenen äusseren Umständen den Alkoholismus «erklären» können. In den sechziger Jahren verebbte seine Bildproduktion. Die Produktion von Sonnenstern-Bildern fand jedoch neue Wege: Er signierte, was ihm berechnende Leute unter die Hand schoben. Die Gesellschaft, die ihn von Anfang an ausgegrenzt, entmündigt, degradiert, als unzurechnungsfähig stigmatisiert hatte, begann ihn zu bemitleiden &##8211; ihn, der für eine Flasche Schnaps bereit war, Werke zu signieren. Die Welt hatte ihn früh für verrückt erklärt und als harmlos eingestuft. Er erwiderte dies, hielt die Welt für verrückt, allerdings nicht für harmlos. Er liess sich auch vom Kunstbetrieb nicht einfach schlucken. Listigerweise war er mit seiner Unterschrift immer sehr grosszügig zur Hand, gab Zusicherungen nach allen Seiten, um sich an keine halten zu müssen. Er stiess das Original vom beweihräucherten Podest, entlarvte den (nota bene: bürgerlichen) Kult um die «Originalität» und «Genialität» der künstlerischen Produktion als ein Tanz um das goldene Kalb. Dazu setzte er sich die Narrenkappe auf, liess sich nicht fassen. Der notwendige Gegenpart des künstlerisch tätigen Individuums war für ihn die Nichtswürdigkeit des Irren. Beide waren letztlich nicht mehr als ein Gelächter wert. So erinnert der zurück in der Gosse gelandete Sonnenstern in mancher Hinsicht an den Kyniker Diogenes, der «gar kein idyllischer Träumer in seiner Tonne (ist), sondern ein Hund, der beisst, wenn er Lust hat.» Dieser soll dem Souverän, der ihm einen Wunsch frei gab, geantwortet haben: «Geh mir aus der Sonne!» Nach einem wechselvollen Leben mit Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, Gründung einer Sekte, Tätigkeiten als Wahrsager und Magnetopath, begann Friedrich Schröder-Sonnenstern mit 57 Jahren zu zeichnen. Innerhalb von drei Jahren entwickelte er einen unverwechselbaren Stil. &##8222;Ich produziere die schönsten, ekligsten Bilder der Welt.&##8220; Dieses Zitat des Künstlers charakterisiert die ambivalent aufgenommenen Werke. Die Bilder provozierten wegen ihrer analen und sexuellen Thematik in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre Skandale. Nur mit Größenfantasien hat Schröder-Sonnenstern sein abenteuerliches Leben meistern können. &##8222;Dreifacher Weltmeister aller Künste&##8220;, so betitelte sich Friedrich Schröder gern selbst und fügte seinem Namen, damit er über allen leuchte, &##8222;Sonnenstern&##8220; hinzu. Auf vielen Bildern hat er diesen hinzugezeichnet. Wie es für den Künstler typisch ist, so ist auch dieses Bild voller Gegensätze: Lachen und Weinen, oben und unten, Herr und Knecht, &##8222;Lebensrichtigkeit und Lebensnichtigkeit&##8220;. Dies sind lebensgeschichtlich verankerte Themen. Entweder war Friedrich Schröder der verarmte, heruntergekommene Heimatlose, der mit Polizei und Gesellschaft in Konflikt geriet &##8211; oder er war der Größte, &##8222;Sonnenkönig Eliot I.&##8220;. Durch die Gestaltung seiner Lebensproblematik im Bild fand er Halt und auch eine sozial akzeptierte Identität als Künstler. Auffällig sind die Darstellungen der Nase, des Kinns und des Ohrs : &##8222;Das sind Männergeschlechtsteile, das bedeutet: Er hat nur Sinnlichkeit im Kopf.&##8220; Diese &##8222;Groteskkoppelungen&##8220; und andere formale und inhaltliche Eigentümlichkeiten der mit sexuellen, analen und aggressiven Themen aufgeladenen Bilderfindungen haben lange Zeit die Diskussion um &##8222;Kunst und Schizophrenie&##8220; in Leben und Werk entfacht. Vielen gilt er als herausragender Vertreter einer &##8222;Kunst der Geisteskranken&##8220;, anderen &##8211; wertfreier &##8211; als Vertreter einer &##8222;Art brut&##8220; im Sinne von Jean Dubuffet. Als Außenseiter hat er einen unverwechselbaren Beitrag zur deutschen Nachkriegskunst geliefert.
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Vorschau-Bild Schröder-Sonnenstern, Friedrich
DER MORALISCHE ESELTREIBER, handsignierte Offsetlithografie, dazu: MONDGEISTFAHRT, Buch + Serigrafie
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Losnr.: 37982