Künstler von A bis Z:

Rudolf Sieck

Name: Sieck
Vorname: Rudolf
Lebensdaten: 1877-1957
Zu Leben und Werk: Rudolf Sieck, der bedeutende Graphiker und Landschaftsmaler, wartet immer noch auf eine eingehende Beschäftigung mit seinem Leben und Werk. Bis heute existiert keine größere Buchpublikation über diesen Künstler, der aus dem Kanon der übrigen "Chiemseemaler", mit denen er so gern in eine Schublade gesteckt und dann vergessen wird, so weit herausragt: eine singuläre Erscheinung unter den Künstlern des Chiemgaus, die seinerzeit überregionalen Ruf besaß - und heute selbst von seiner Geburtsstadt Rosenheim eher stiefmütterlich behandelt wird. In Zeitungsartikeln und Katalogvorworten verstreut, läßt sich so allenfalls ein grobes, teilweise immer auf den selben Anekdoten und vagen Andeutungen beruhendes Bild von Rudolf Sieck und seinem Schaffen zeichnen, das im Nachfolgenden um ein weiteres Mosaiksteinchen ergänzt werden soll. Weniger die Gemälde des am 18. April 1877 geborenen und am 5. Juli 1957 in München verstorbenen Rosenheimer Lokomotivführersohns lassen ihn als Künstler des Jugendstils erscheinen, als seine Graphik, die Lithographien und Radierungen, wiewohl auch seine Öl- und Enkaustikbilder in der Flächen- und Linienbehandlung deutlich den Graphiker Sieck verraten. Als solcher kommt ihm der eigentliche künstlerische Rang zu, der ihn von den vielen anderen Landschaftern, seinen Vorgängern, Zeitgenossen und Nachfolgern im Wesentlichen unterscheidet. Diese "graphische Grundhaltung" teilt er mit vielen anderen Künstlern des Jugendstils. Dolf Sternberger spricht in seinem Essay über den Jugendstil von einem, von der japanischen Kunst angeregten "gleichsam schreibenden Zeichnen", das auch ein "Wegrücken festerer Elemente" beinhaltet, eine Feststellung, die auch auf die Sieck`schen Landschaften zutrifft. Im Grunde verkörpert er mit diesem schwebenden Spiel, das Flächigkeit und Kalligraphie (in der Behandlung der Bäume, der Gräser etc.) zugleich umschließt, viel deutlicher den Jugendstil in seiner Feinheit und neuromantisch-poetischen Weltsicht als die Künstler der "Scholle", deren Werke von einer gewissen Derbheit, einem kreidig-erdigen Strich in der Bildgestaltung bestimmt sind. Auch motivisch rückt Sieck, der Einzelgänger, so in die Nähe Heinrich Vogelers (1872 - 1942). In dessen Graphikzyklus "An den Frühling", der 1900 im Insel-Verlag erschien und ein wesentliches Werk der Jugendstil-Graphik darstellt, finden sich stellenweise die selben poetisch-verträumten, stillen Bildräume, die hohen, vorfrühlingshaften Himmel, die sich zusammen mit schlanken, noch laublosen Birkenstämmen über den Bildraum hinaus fortzusetzen scheinen. Diese Überschreitung des Bildraums, das Aufbrechen von Begrenzung und Einengung verbindet sich im Jugendstil mit dem Sehnsuchtsmotiv der Romantiker: Bevorzugte Abend- oder Morgenstimmungen, besinnliche Melancholie und zugleich Aufbruchs- und Veränderungssymbolik im Motiv des Frühlings ? dies alles findet sich auch bei Rudolf Sieck. Anders als Vogeler jedoch läßt Sieck die Landschaft allein sprechen, er verzichtet auf Staffage, Inszenierung und Allegorik (vgl. Rudolf Riemerschmids "Eva" im Schafwaschener Winkel), nur selten setzt er Figuren in seine verträumte Welt ein. Ein anderer, nicht zu übersehender Aspekt ist Siecks Vielseitigkeit: Neben seiner Graphik und den Gemälden, bei denen er die alte Tradition der Enkaustik wieder aufleben ließ, widmete sich der Künstler auch der Porzellanmalerei und der Illustration. Nachdem Rudolf Sieck wie auch Wilhelm Hely bei seinem Onkel Wilhelm Kronenbitter, dem Prokuristen der Rosenheimer Kunstmühle, eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte und von 1894 bis 1897 in einer Offenburger Zigarrenfabrik angestellt gewesen war, brach er diese Tätigkeit abrupt ab, um fortan künstlerisch tätig zu sein. Während seines Studiums an der Münchner Kunstgewerbeschule bei Prof. Zimmermann, muß sich Sieck auch in Rosenheim aufgehalten haben, zumindest entstand ein Vielzahl von Aquarellen, die mit der Jahreszahl 1899 datiert sind und Motive aus Rosenheim (Beispiel "Aus Rosenheim" mit Blick auf die Heilig-Geist-Kirche) und seiner Umgebung (Simssee, Hofleiten etc.) zeigen. Eine eindrucksvolle farbliche Leuchtkraft und eine konsequent "moderne" Flächenbehandlung zeichnen diese Blätter aus. Aus dieser Zeit existiert auch ein karikiertes Selbstportrait, das ihn, lorbeerumrankt, als schelmischen rothaarigen Studenten zeigt. Überhaupt offenbart sich gerade in seiner Gelegenheitsgraphik der "andere Sieck", der satirische, oft genug schwarzhumorige Karikaturist, der in dem verträumten Landschafter steckte. So schuf er etwa 1901 und 1905 Einladungskarten für Michl Kaempfels Stammtischgesellschaften, die damals vor allem im "Flötzinger Löchl" den geselligen Mittelpunkt Rosenheims bildeten. Von Sieck karikiert, zeigt eine Postkarte das Portrait Kaempfels im Narrenkostüm, während auf der anderen vor dem Hintergrund der nächtlichen Nikolauskirche ein offenbar stark angeheiterter Narr von seiner Frau mit einem Besen bedroht wird. Auch in den Kreisen der Münchner Künstlerschaft aktiv, entwarf Sieck 1903 die Postkarten für die "Schwabinger Bauernkirta", also für jene legendären Faschingsfeste des "Vereins deutscher Kunststudierender", in denen Maler, Kunstgewerbler und Intellektuelle in ländlicher Tracht verkleidet Fasching feierten (- auch dies eine Folge der Wiederentdeckung der Begriffe "Heimat" und "Landleben"). Ein Jahr später, 1904, tritt Sieck in Kontakt mit der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, für die er eine große Anzahl von Dekoren entwirft. Im selben Jahr wird er von Albert Langen, dem Herausgeber des "Simplicissimus" entdeckt; erste Veröffentlichungen und Ausstellungen folgen. Langen, der weltgewandte Verleger und Mäzen spielte in Siecks künstlerischer Anfangszeit eine entscheidende Rolle. Grete Gulbrannsson berichtet in ihrem Tagebuch vom 26. September 1905 von einem Besuch bei Langen, bei dem sie vor allem ein "wundervolles Biedermeierzimmer voll famoser Bilder, vor allem von Sieck und Heine" bewunderte. Siecks Bilder werden schon bald zum festen Bestandteil des "Simplicissimus", schließlich auch der "Jugend"; seine poetischen Landschaften bieten einen gewissen Gegenpol zu den übrigen scharfen politischen Karikaturen. Langens Tod im Jahre 1909 muß einen harten Schlag für Sieck bedeutet haben: Als der Verleger den Maler am Chiemsee besuchen wollte, hatte er sich im offenen Auto eine Verschlechterung seiner noch nicht ganz auskurierten Mittelohrentzündung eingehandelt, an deren Folgen er schließlich verstarb. Zuvor schon hatte Sieck, der immer wieder zusammen mit seinem Kollegen Th. Th. Heine zu Malstudien an den Bodensee ging, in Meersburg seine Frau Martina Hönig kennengelernt und 1905 geheiratet. Nach der Geburt der Tochter Ingrid (1907) ließ sich Sieck, der auch noch ein Atelier in der Karlstraße in München unterhielt, endgültig am Chiemsee nieder. 1913 kaufte er ein Anwesen bei Pinswang und schlug sein Atelier in Harras auf. 1925 wurde er zum Professor ernannt. Studienfahrten nach Italien (Capri) während der 20er Jahre und schließlich eine zunehmende, auch in seiner politischen, antinazistischen Haltung resultierende Abkapselung gegen Außen hin schlossen sich an. Propagiert durch Förderer wie Langen, Georg Hirth (dem Herausgeber der "Jugend") oder Ferdinand Avenarius (Herausgeber des "Kunstwart"), begann kurz nach 1900 Siecks künstlerischer Aufstieg. Kunstschriftsteller wie der renommierte Rudolf Braungart wurden auf ihn aufmerksam, der Kunstdruckverlag Hanfstaengl bewarb einzelne Blätter Siecks in großformatigen Anzeigen (Beispiel: "Der Blütenbaum", Kunstdruck nach einem Gemälde von Rudolf Sieck, 1908; Werbetext: "Wir glauben, solche Bilder gehören als rechte Freudebringer vor allen andern ins Volk! (...) So viele Frühlingsbilder die Kunst geschaffen hat, wo ist eins, aus dem der Lenz freudiger singt, als aus diesem? (...) Das hat ein Poet gemalt. (...)"). Neben der Tätigkeit für "Simplicissimus" und "Jugend" war Sieck auch als Buchillustrator viel beschäftigt. Für die "Kleine Bücherei Langen" etwa schuf er eine Reihe von Umschlagzeichnungen, darunter diejenigen für Guy de Maupassants "Fräulein Perle", für Emile Zolas "Nantas", beide 1904, sowie Illustrationen zu Frank Wedekinds "Vier Jahreszeiten - Gedichte" von 1905 und Otto Gysaes Roman "Edele Prangen" von 1906. Für Hermann Hesse, zu dem er Zeit seines Lebens eine freundschaftliche Beziehung pflegte, stattete er dessen Erzählung "Sor acqua" mit Zeichnungen aus, die 1907 im 1. Jahrgang der Langen`schen Zeitschrift "März" erschienen. Nicht zu vergessen sei schließlich das große Album "Von Lichtmeß bis Drei-König", das, um 1912 erschienen, groß-formatige Illustrationen Siecks mit zugehörigen Versen von Dr. Owlglass (d.i. H. E. Blaich) aus dem "Simplicissimus" sammelte und mit zu den schönsten Büchern des Künstlers zählt. Für Callwey und den Wiener Jugendstil-Verlag Gerlach illustrierte Sieck die Bücher "Blumen und Bäume" und "Die Blume im Lied" mit zarten, ganz den Geist der Jugendstil-Buchkunst atmenden Zeichnungen. Auch späterhin war Rudolf Sieck auf dem Sektor Buchkunst aktiv, wenngleich die Arbeiten dieser Bücher (darunter seine Bändchen "Capri", "Von der Landschaft" und "Bilder aus Italien") bereits einen stilistischen Wandel Siecks, weg vom Jugendstil deutlich zu Tage treten lassen. Dieser Wandel hatte sich schon während des 1. Weltkrieges in den Arbeiten für die Zeitschrift "Bayerischer Heimatschutz" abzuzeichnen begonnen. K. A. von Müller berichtet in seinen Memoiren "Mars und Venus" von der Mitarbeit Siecks an dieser Zeitschrift. Betrachtet man die in den Jahren 1916 und 1919 dort publizierten Blätter, wird deutlich, daß an Stelle des verträumten Jugendstils eine gewisse Nüchternheit, eine sachlichere Reduziertheit getreten ist. Abschließend sei noch auf einen weiteren unmittelbaren künstlerischen Ortsbezug Siecks zu Rosenheim hingewiesen: Ab 1903 entwarf Sieck nicht nur die Kalender für die Rosenheimer Kunstmühle, sondern der neugegründete Rosenheimer Kunstverein brachte im Jahre 1905 eine Radierung Siecks ("Vorfrühling bei Neubeuern") für seine Mitglieder als Jahresgabe heraus. Sieck war der einzige gebürtige Rosenheimer Künstler, der in Bezug auf den Jugendstil überregionale Bedeutung erlangte und im Kreis der "Jugend" und des "Simplicissimus" verkehrte. Abschließend sei noch auf weitere Jugendstil-Künstler, die sich zwischen Chiemsee und Inn niedergelassen hatten, hingewiesen.
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